Meine Mutprobe auf dem Ostschweizer Symbolberg

Startpunkt: Bergstation der Luftseilbahn Ebenalp

Ziel: Säntis

Dauer: 4,5 Stunden Gehzeit ausgeschrieben, ich habe etwas mehr als 5 Stunden gebraucht

Alpine Wanderung nur für geübte Bergsteiger mit guter Kondition und Schwindelfreiheit

Anreise: Appenzeller Bahnen bis Wasserauen (aufgrund des Tourendes in Schwägalp ist es sinnvoller, gleich mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu reisen). Rückreise dann von Talstation der Säntisbahn von Schwägalp mit Bus nach Urnäsch und von dort mit Appenzeller Bahnen zurück nach Hause.

Ich habe diese Wanderung am 1. August 2017 (Nationalfeiertag) gemacht.

Nichts für Sonntagswanderer

Ursprünglich hatte ich geplant, die Wanderung von Ebenalp über Säntis, dann Rotsteinpass, Lisengrat, Meglisalp und retour nach Wasserauen zu machen. Jedoch wurde mir nach ca. 2 Stunden bewusst, dass ich froh sein könnte, wenn ich die Tour erfolgreich am Säntis abschliessen kann. Dies aus zwei Gründen: es windete stark und ein grosser Teil der Strecke ist recht exponiert (am Grat entlang oder entlang steiler Hänge. Wer sich die «grosse Tour» vornimmt muss wirklich konditionell sehr stark sein und das Wetter muss eindeutig stabile Verhältnisse aufweisen.

Viel Kraft war also nötig bei dieser Tour, mich persönlich kostete es einige Überwindung aufgrund meiner nicht ganz 100%igen Schwindelfreiheit. Ich reiste mit der Appenzellerbahn nach Wasserauen (1. August 2017 – um 8:00 Uhr morgens waren die Parkplätze schon bis weit vor Wasserauen besetzt). Mit der Luftseilbahn fuhr ich auf die Ebenalp (Kosten: CHF 10 mit Generalabonnement, Normalpreis beträgt CHF 20 für eine einfache Fahrt, welcome to Switzerland).

Der Anfang war leicht

Von der Ebenalp (1644m) bis zum Schäfler (1923m) war es für mich eine leichte und abwechslungsreiche Wanderung mit ein paar schönen Fotomotiven. Die Strecke ist mit 1,5 Stunden angeschrieben, jedoch brauchte ich dafür keine ganze Stunde (ich bleibe auch kaum für eine Rast stehen). Es geht einen schönen Wanderpfad mit angenehmer Steigung aufwärts, vorbei an der kleinen Alp Chlus. Ab dort geht es etwas steiler nach oben Richtung Berggasthaus Schäfler. Ab der Alm könnte man in ca. 55 Minuten den berühmten Äscher erreichen, das wäre also eine nette Rundwanderung für diejenigen, die es gemütlicher möchten. Bis zum Schäfler stufe ich die Wanderung auch noch als familienfreundlich ein. Danach weisen schon die Schilder darauf hin, dass es ab jetzt nur noch für geübte Bergsteiger mit entsprechender Ausrüstung geeignet ist. Mit Ausrüstung ist hier gemeint: solides Schuhwerk. Natürlich begegnete ich auch Familien mit Kindern, jedoch sind diese Familien offensichtlich viel in den Bergen unterwegs.

Alpine Gefahren

Kurz nach dem Schäfler kam für mich die erste grosse (mentale) Herausforderung. Neben dem Weg fiel der Hang schon sehr steil ab und es wurde immer exponierter. Ich bekam Herzklopfen, ich war allein unterwegs und kannte den weiteren Streckenverlauf nicht. Ich konnte mir ausrechnen, dass die weitere Strecke mit solchen Abgründen gesät sein würde und ich deshalb sehr langsam unterwegs sein und entsprechend Angst haben würde. In diesem Moment war ich mir über meine persönlichen Fähigkeiten für diese Wanderung nicht sicher.

Ein Moment des Zögerns

Die Aussicht über das Grat bis hin zum Öhrli war imposant. Ich kam an einen Punkt, an dem ich umkehrte, weil ich mich nicht darüber hinaussah. Ein älteres Paar ging an mir vorbei und ich war eigentlich schon wieder auf dem Rückweg. Dann kam noch ein Paar und nach ihnen dachte ich mir, dass ich es ja nicht einmal versucht hatte. Nun würden mindestens 4 Personen vor mir unterwegs sein, die den gleichen Wetterbedingungen ausgeliefert waren. Der Wind ging sehr stark an diesem Tag und wenn ich erst einmal auf der Strecke unterwegs sein würde gab es praktisch keine Rückzugsmöglichkeit bei schlechtem Wetter.

Die Banane konsultiert

Ich ass erst mal eine Banane. Irgendwie bekam ich dann Mut und sagte zu mir selbst: «versuche es nur über diesen steilen Abstieg, dann entscheidest du weiter». Im Nachhinein bin ich sehr froh über meine Entscheidung, denn diesen schwierigen Teil konnte ich meistern indem ich ihn langsam anging und mich überall schön festhielt. Der Weg ist ja bestens gesichert und der grösste Feind ist hier eigentlich nur die Angst. Schon eine halbe Stunde später war ich sehr froh darüber, dass ich nicht umgekehrt war. Ich hatte die schönsten Fotomotive wie zum Beispiel die Türme des Läden oder einen Ausblick hinunter zu meinem geliebten Seealpsee.

Lohnende Aussichten

Weiter ging es über den Lötzlialpsattel auf dem der Wind sehr stark wehte. Ich hoffte, dass das Wetter halten würde. Besonders gut gefiel mir der Blick auf die Altenalp Türm. Langsam konnte man auch schon wieder den Säntis im Blickfeld erkennen und es wurde mir bewusst, dass ich meine Kräfte wohl noch etwas einteilen musste. Bald ging es über einen felsigen Teil, der sehr gut markiert ist. Auf einmal kam ich an total entspannten Kühen vorbei, die hier wohl eine schöne Zeit verbringen, eine dieser Kühe habe ich sogar beim «Ohmen» fotografiert, sonst glaubt ihr mir das gar nicht 😉
Man könnte nun via Mesmer wieder abwärts Richtung Seealpsee gehen, jedoch liess mich jetzt der Ehrgeiz noch nicht umdrehen. Ich dachte, dass die Wanderung gebührend mit der Erklimmung des Säntis enden sollte!

Den Säntis erobern

Ein paar kurze Stellen ging es durch Firnschnee (Firnfeld Blau Schnee), das aber in dieser Jahreszeit minimal war (1. August). Dann ging es steil aufwärts, teils auf allen Vieren. Ich war schon längst überzeugt davon, dass mir auf dieser Strecke meine geliebten Wanderstöcke eher im Weg gewesen wären.

Der letzte und spektakulärste Teil führte dann über eine Gratverbindung wieder etwas abwärts und dann steil über die Himmelsleiter zum Säntis. Auf diesem letzten Teil war dann schon relativ viel los, weil hier auch die Bergsteiger von der Schwägalp über Tierwies dazustiessen. Das Stück über die Himmelsleiter verlangte nochmals Kraft und Ausdauer. Oben angekommen fühlte sich jeder grossartig, man verbrüderte sich ein bisschen mit den Leuten und machte Fotos von einander. Schliesslich hatte man eine ordentliche Leistung vollbracht.

Auf dem Säntis tummelten sich dann jene in Sandalen und Sonntagskleidung, die bequem mit der Säntisbahn hinaufgefahren waren. Das ist dann der Teil, wo ich mir denke, dass es halt schon schöner ist, wenn man aus eigener Kraft die Strecke zurückgelegt hat. Für mich war die Wanderung sehr, sehr schön, sie bedeutete für mich die Überwindung meiner Höhenangst und auch konditionell konnte ich stolz auf mich sein, den Symbolberg der Ostschweiz bestiegen zu haben.

Abwärts ging es wieder mit der Säntis Luftseilbahn nach Schwägalp (Kosten für einfache Fahrt mit GA waren CHF 16 – ansonsten CHF 32!!!) – mit Blick auf die Schweizer Flagge, die am 1. August dort immer aufgehängt wird. Leider hatten die starken Winde an diesem Tag der Flagge zugesetzt und sie teilweise zerrissen.

Der Bus nach Urnäsch wartete schon am Parkplatz und brachte mich in 20 Minuten nach Urnäsch von wo ich die Appenzeller Bahnen nach Hause nahm.