Ein Schwesternfoto am Bras Rouge

Unsere erste Erkundung im Talkessel von Cilaos

Zum Zeitpunkt unserer ersten Wanderung in Cilaos hatten wir schon bemerkt, dass die Zeitangaben für Wanderungen auf Réunion immer sehr sportlich angegeben sind. Eine 5-stündige Wanderung wird also schnell einmal zur 6-stündigen. Man will ja auch gerne die schönen Orte etwas geniessen, Fotos machen und etwas essen.

Proviant in Cilaos

In Cilaos ist man auf die Wanderer eingestellt. Die zentral gelegene Bäckerei hat morgens schon stapelweise Sandwiches vorbereitet und knackige Baguettes zur Auswahl. Wir hatten uns für den ersten Tag der Wanderung eine Dose Streichwurst und ein paar kleine Salametti im Supermarkt gekauft. Dazu holten wir uns ein krachfrisches Baguette bevor wir uns auf den Weg machten.

Startpunkt der Wanderung zum Bras Rouge

Der Startpunkt zu dieser Wanderung ist leicht zu finden, er liegt gut angeschrieben zwischen der Kirche und der Touristeninformation im Zentrum von Cilaos. Man folgt eine Weile dem Wanderweg GR R2 – dem Sentier des Porteurs, bis zum Bras Rouge führt diese Route abwärts und ist nicht sonderlich anstrengend. Am Anfang kommen wir an einer Freiluftkapelle vorbei, der dem Heiligen «St. Expédit» geweiht ist. In meinem Reiseführer über die Insel (Iwanowski’s Réunion) steht geschrieben, dass Gerüchten zufolge der Kult um den angeblichen Heiligen aus einem Missverständnis heraus entstanden sein soll: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte man auf Réunion eine Heiligenstatue aus Rom bestellt. Als diese auf der Insel ankam, wusste jedoch niemand, um welchen Heiligen es sich eigentlich handelte. Da das Paket mit der Aufschrift «e spedito» (verschickt am) samt Datum versehen war, hielt man dies für den Namen des Heiligen.

Ein gemütlicher Start

Die ersten 1,5 Stunden waren somit recht entspannend, der Weg war angenehm zu gehen und bald schon kamen wir zum Fluss Bras Rouge. Auf diesem Abschnitt war es auch noch schön schattig. Wir kamen am oberen Punkt des Wasserfalls an, leider sieht man nur den oberen Teil, man kann sich also den Wasserfall selber nur vorstellen. Aufpassen muss man, dass man sich beim Fotografieren nicht zu weit vorwagt, denn das könnte aufgrund der rutschigen Steine schlimm ausgehen. Wir hielten unsere erste Rast am Bach, machten Fotos und marschierten weiter.

Gnadenlose Hitze

Am Fluss Bras Rouge

Ab sofort waren wir auf der Sonnenseite und es ging aufwärts. Nun kamen wir anständig ins Schwitzen und ein paar Momente lang war ich mir unsicher ob wir wohl in der richtigen Richtung unterwegs waren. Ich war ja wieder mal nur mit dem Insel-Reiseführer unterwegs in dem eine grobe Karte von Cilaos und der Umgebung drin war. Wieder mal typisch für mich. «Intuitives Wandern» wie ich es nenne, aber vielleicht auch eine blöde Idee. Andere Wanderer waren aber nicht viel besser orientiert als wir, was mich wieder beruhigte.
Nach der anstrengenden Steigung für mindestens eine weitere Stunde kamen wir an zwei grosse Wegpfeiler. Angeschrieben waren der Col du Taïbit (4 Stunden) und Thermes (1 Stunde). Ich wusste von meiner Reisevorbereitung, dass der Col du Taïbit nicht unser Ziel sein konnte, für die Besteigung desselben müsste man schon wesentlich früher aufstehen. Thermes sagte mir aber auch nichts. Nun war ich unsicher. Ich fragte ein Pärchen, das gerade eine kurze Pause machte. Die wussten noch weniger als wir, wo sie umgingen. Sie erzählten uns, sie hätten gedacht, dass der Col du Taïbit wäre in 4 Stunden zu schaffen, jedoch lagen ab dem Punkt des Wegweisers noch mindestens 4 Stunden vor ihnen, geschweige denn der Weg zurück …. Im Endeffekt half ihnen die kleine Karte, die ich in meinem Reiseführer hatte, sich zu orientieren und wir schlugen den Weg in Richtung Thermes ein.

Wieder am Fluss Bras Rouge

Nun ging es eine Weile abwärts und wir kamen an eine Stelle des Bras Rouge (die Thermes). Diese Stelle bot sich wieder als eine schöne Rast, zum Fotografieren und «Marenden» (Jause essen) wie wir Tiroler gerne sagen. Ich kletterte über einen kleinen Felsen hinab und machte Fotos von dem Wasserfall, die Felsformationen liessen an Gesichter denken. Ich schaffte es den Verschluss vom Objektiv der nagelneuen Kamera meiner Schwester in ein richtig dreckiges Wasserloch zu versenken. Ein Moment des Schreckens weil es genauso gut die Kamera hätte sein können …

Letzte Teilstrecke über Bassin Bleu

Nach dieser schönen Rast wanderten wir wieder steil aufwärts. Es war nun ca. 14 Uhr und die Mittagssonne heizte gnadenlos auf uns herab. Wir wanderten eine kurze Strecke durch einen Wald und die Nadeln der Bäume rieselten auf uns herab. Das war eine schöne Stimmung. Wir waren immer wieder bei anderen Wanderern vorbeigegangen, darunter eine Gruppe von 5 Frauen. Eine von ihnen war sichtlich an der Grenze ihrer Kondition angelangt. Mir ging die Hitze langsam auf die Nerven. Schliesslich kreuzte der Weg die Strasse D242 wo sich eine Bushaltestelle befand. Die erschöpfte Frau von der 5er Gruppe stellte sich demonstrativ zur Bushaltestelle, sie war entschlossen keinen weiteren Schritt mehr zu gehen. Wie lange sie wohl dort in der gleissenden Hitze warten musste bis ein Bus kam weiss ich nicht. Wir aktivierten unsere Kraftreserven und wollten diese Wanderung natürlich komplett abschliessen.

Gastfreundlichkeit der pique-nique-eurs

Das Bassin Bleu hatte ich mir aufregender vorgestellt, aber gut. Langsam wurde es Zeit, dass diese Wanderung endlich enden würde. Wir kamen an einen Rastplatz, wo wir eine Gruppe von 6 Leuten beim Picknicken sahen. Sie grüssten von Weitem «Bonjouuuuur». Wir waren nicht ganz sicher wo der Weg nach Cilaos weiterführte und wollten die Einheimischen fragen. «Bonjouuuuur, avez-vous soif? Avez-vous faim?». Ob wir Hunger und Durst hätten … wir sagten wir würden den Weg nach Cilaos suchen. Sie erklärten uns freundlich wo es weiterging und nutzten gleich nochmals die Gelegenheit uns zu fragen ob wir nicht Hunger und Durst hätten. Vor ihnen waren ein reichhaltiges Picknick ausgebreitet. Wir wollten nicht unhöflich sein und akzeptierten eine Ananasscheibe, sonst hätten sie uns wahrscheinlich eh nicht weiterziehen lassen… natürlich wiesen sie uns auch darauf hin wo wir unsere Wasserflaschen nachfüllen konnten. Die Inselbewohner sind einfach herzlich, das muss man ihnen lassen. Das Picknicken gehört zum Freizeitsport. Familien und Freunde scheinen auf diese Art viel Zeit miteinander zu verbringen. Ich kann mir vorstellen, dass dies viel Austausch und gemeinsame Zeit mit der Familie bedeutet. Etwas, das uns in Mitteleuropa immer mehr abhanden kommt … Schon hatten wir einen schönen Blick auf Cilaos, es zog sich noch etwas in die Länge bis wir endlich wieder hinter der Kirche in Cilaos zum Dorf zurückkehrten. Wir hatten mindestens 6 Stunden für diese Wanderung gebraucht.